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Aber nur mit Babyschale – als blinde Mutter unterwegs

Warum eine blinde Mutter nur mit Babyschale unterwegs ist

Heute erzält meine Gastbloggerin Lydia, warum sie nur mit Babyschale aus dem Haus geht. Wie ihr vielleicht schon wisst, bin ich mit meiner Schwerhörigkeit auch manchmal im Alltag etwas eingeschränkt. Es freut mich total, dass Lydia sich bereit erklärt hat, einen Gastartikel zu schreiben, denn Lydia ist blind und hat es als blinde Mama auch nicht imer leicht. Dinge, die für uns „Sehende“ völlig selbstverständlich sind, sind für Lydia mit größerem Aufwand verbunden. Ich finde das, worüber sie heute schreibt, total spannend und finde es toll, dass sie auf meinem Blog ein bisschen Einblick in ihr Leben gibt.

Mit den Kindern im Nahverkehr

Seit meine Kinder auf der Welt sind, kennen sie den öffentlichen Nahverkehr. Denn da mein Mann ebenfalls blind ist, sind wir täglich damit unterwegs. Die Kinder haben viel seltener in einem Auto gesessen als Kinder normal sehender Eltern mit Auto.

Wenn wir dringend ein Auto brauchten. dann fuhren wir mit dem Taxi. Aber im Babyalter habe ich das möglichst vermieden. Denn in Taxis gibt es zu 99,9 % keine Babyschalen. Es liegt somit im Ermessen des Fahrers, ein Baby zu transportieren oder eben nicht. Eine Geschichte fällt mir dazu ein, die mir das zum ersten Mal klarmachte.

„Sie nehme ich mit, aber Ihr Kind nicht!“

Winter 1999 in Frankfurt am Main. Mein Mann und ich waren im Baumarkt, hatten eingekauft und wollten mit dem Taxi nach Hause. Gekommen waren wir mit dem Bus. Aber mit den gekauften Brettern und Werkzeugen brauchten wir ein Auto. Damals war meine Tochter vielleicht ein Vierteljahr alt und saß bei mir im Tragetuch. Nachdem wir also unseren Einkauf bezahlt hatten, gingen wir zum Taxistand. Der Fahrer schaute uns an und sagte: „Sie kann ich mitnehmen, Ihr Kind aber nicht“. Es war mein erstes Kind. Und so muss ich ihn ziemlich blöd angeschaut haben. Jedenfalls erklärte er meinem Mann und mir, dass er kein Baby ohne Babyschale befördern kann. Und diese hätten wir mitzuführen. Da half kein Diskutieren. Das war eben so. Es war Winter, es wurde dunkel und der Einkauf ohne Auto nicht zu befördern. Also schlug ich meinem Mann vor, mit dem Einkauf Taxi zu fahren, während ich mein Baby mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause bringen würde. Es war die praktikabelste Lösung für alle Beteiligten.

Spontane Hilfe eines anderen Familienvaters

Eine blinde Frau mit Blindenstock und Baby im Tragetuch nebst einem beladenen Einkaufswagen vor einem Baumarkt ist sicherlich kein alltäglicher Anblick. Jedenfalls wurde ein Mann auf uns aufmerksam und hatte die Diskussion um die Mitnahme des Baby verfolgt. Spontan bot er an, mich mit Baby mitzunehmen. Er erklärte uns, dass er selbst Familienvater sei und die Problematik kennt. Er wandte sich an den Taxifahrer und sagte, er würde ihm hinterher fahren. Das wäre das Einfachste. Daraufhin sagte der Taxifahrer, dass er mich mit Baby ausnahmsweise mitnehmen würde. Und so fuhren wir alle gemeinsam nach Hause. Auch wenn ich lange nicht verstanden habe was den Taxifahrer dazu bewogen hatte, seine Meinung zu ändern. Es war das kleinere Übel, mir während der Fahrt vorhalten zu lassen, dass ich keine Babyschale dabei hatte.

Babyschale in der Taxizentrale deponieren und dafür zahlen?

Natürlich wollte ich das genauer wissen. Ich telefonierte also am nächsten Tag mit dem Taxiunternehmen meines Vertrauens. Der Geschäftsführer erklärte mir, dass nun mal eine Kindersitzpflicht besteht, ich also die Babyschale mitzuführen habe. Auf die Frage wie ich das als Blinder machen sollte, konnte er mir keine Antwort geben. Eine Hand war für den Blindenstock reserviert und auf dem Rücken trug ich immer einen Rucksack. Und jeder, der so eine Babyschale in Händen gehalten hat, weiß wie schwer und sperrig so ein Ding sein kann. Das erklärte ich meinem Gesprächspartner also. Darauf bot er mir an, eine eigene Schale in der Taxizentrale zu deponieren. Wenn ich also ein Taxi brauche, würde der Fahrer hinfahren, die Schale abholen und anschließend mich einsammeln. Natürlich müsse man mir die Fahrt von der Zentrale zu mir in Rechnung stellen. Ich fragte gar nicht erst nach, ob ich die Fahrt der Babyschale zur Taxizentrale ebenfalls zahlen muss. Denn diese Lösung war für mich absoluter Quatsch mit Sauce. Ich war bestimmt nicht die einzige Frau mit Baby, die ein Taxi brauchte, ohne eine sperrige Babyschale mitzuführen. Also musste es dafür auch eine entsprechende Vorschrift geben. Nach längeren Recherchen fand ich eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt, die mir erklärte, dass die Taxifahrer nicht verpflichtet seien, einen Kindersitz für die Gewichtsklasse 0 mitzuführen. Denn der Platz im Kofferraum wird für das Gepäck der Fahrgäste benötigt. Und es liegt im Ermessen des Taxifahrers, ein Baby ohne Kindersitz mitzunehmen. Den genauen Auszug aus der Taxiverordnung ließ ich mir schriftlich geben.

Eine Alternative und ein fast persönlicher Taxifahrer

Fahrten mit dem Auto waren also mit Baby eine reine Organisationssache. Ich versuchte diese auf ein Minimum zu beschränken. Eine andere Alternative war bei der Taxizentrale anzugeben, dass ich ein Baby dabei habe. Später lernte ich einen Fahrer Kennen, der einen Kindersitz für Kleinkinder dabei hatte. Den habe ich dann zuerst angerufen, wenn ich ein Auto brauchte. Aber zum Glück ist das Frankfurter Verkehrsnetz gut genug, um fast überall ohne Auto hinzukommen.

Wer ist eigentlich Lydia?
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Lydia unterwegs, auf diesem Bild ohne Babyschale, dafür aber mit ihrem Blindenstock

Lydia lebt seit mehr als 40 Jahren in Deutschland, sie wurde als Kind palästinensischer Eltern in Jordanien geboren. Als sie vier Monate alt war, fiel ihren Eltern auf, dass mit Ihren Augen irgendetwas nicht normal war. Ihre Eltern taten ab da alles aus ihrer Sich menschenmögliche, um ihr zu helfen. Auf ihrem Blog schreibt sie über den Weg des Daseins eines armen blinden Mädchens zu einer Frau, die ihr Leben selbstbestimmt lebt. Zu ihrem Leben gehören zwei fast erwachsene Kinder, zwei Katzen, ihre Berufstätigkeit und vieles mehr. Ihr Blog ist sehr spannend und sie würde sich bestimmt freuen, wenn ihr mal reinschaut. Hier geht es zu ihrem Blog.

Habt noch einen schönen Tag, bs morgen 🙂

Simone

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